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Künstlerhaus Goldstraße
- eine Dokumentation

Von Frank Kopatschek

 

 

Service:

Diese Seite als PDF PDF-Einladung

Inhalt

Ideen brauchen Zeit...

Eröffnung bei Regen

Oase für Künstler

Kunst in Ruinen

Schwielen für die Kunst

Lebendiges Haus

Die Kunst der Sprache

Erweiterung

Die Russen kommen

 

Schmuckstück im Dellviertel

Struktur und Überraschungen

Zurück in die Zukunft

Gäste ins Haus

Von huis naar huis

Kulturwoche NRW

Jahr des Dialogs

Zwölf Monate im Foto

Wachgeküsst und quicklebendig

 

  Ideen brauchen Zeit...
OB Krings Im Schatten einer Kirche, mitten in der Duisburger City hat sich eines der wenigen bunten Fleckchen entwickelt, das dem Kulturleben der Stadt so richtig Schwung gibt. In einer kleinen Ecke des Dellplatzes finden sich Freunde des guten Films ein, verspritzen Satiriker ihr verbales Gift, zelebriert man die „kleine Kunst“, lässt sich ein Sommerabend im Biergarten der Hausbrauerei genießen oder die Nacht beim Schwofen verkürzen. Eine Mischung von der die Nachbarn in der Goldstraße 15 schon immer geträumt hatten: ein lebendiges Zentrum für Kunst, Kultur und Freizeit sollte am Dellplatz entstehen. Heute gibt es auf engem Raum eine einzigartige Konzentration von kulturellen Angeboten: das Filmforum, das HundertMeister, die Kleinkunstbühne „Die Säule“ – und das Künstlerhaus Goldstraße.

Vor 25 Jahren, als dieses erste Atelierhaus der Stadt eröffnet wurde, war die Kolonie der Maler, Bildhauer, Fotografen und Schriftsteller erst einmal froh, Unterkunft und Arbeitsmöglichkeiten bekommen zu haben. Hinter ihnen lagen Monate der harten, körperlichen Arbeit in einer Ruine, vor ihnen die spannende Zeit einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft, wie sie heterogener nicht sein könnte. Künstler sind Individualisten und manchmal auch Querköpfe. Einige haben in dieser Zeit das Haus verlassen, andere sind dazu gekommen. Und es gibt die „Erstbewohner“, die immer noch unter dem gemeinsamen Dach der Goldstraße leben. Manche Ideen brauchen eben ihre Zeit...

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  Eröffnung bei Regen
Eröffnung bei Regen Die Eröffnung sollte trotz des Regens nicht ins Wasser fallen. Oberbürgermeister Josef Krings fand schlagfertig einen passenden Kommentar: „Bei der Denkmalübergabe in Heinrich Manns 'Der Untertan' hat es auch geregnet." Deshalb ersparte er sich – unter dem Beifall der Besucher – eine längere Ansprache und enthüllte mit einem kräftigen Zug am Tuch die Widmungstafel: „Stadt Duisburg – Künstler- und Atelierhaus" stand dort in Stein gemeißelt. Schlicht und trotzdem für viele Maler, Bildhauer, Fotografen und Schriftsteller ein Hoffnungsschimmer. Wenn Duisburg für Künstler eine karge Landschaft war und oft auch immer noch ist, dann gehört die Goldstraße 15 zu den Oasen der Stadt – seit eben dem 25. April 1980.

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  Oase für Künstler
Oase für Künstler Sie hat schwierige Zeiten erlebt, ist erst spät zur Ruhe gekommen. Der finanzielle Infarkt der Stadt lässt zwar keine weit blickenden Prognosen für die Zukunft der Kunstszene zu, aber selbst die heutige Situation ist nicht mit dem Beginn einer beispielhaften Wohn- und Arbeitsgemeinschaft vergleichbar. Damals glich der Einzug in das alte, brüchige Haus einer Besetzung, denn bis auf Kulturdezernent Konrad Schilling wusste niemand von dem Plan, ein Haus für Künstler in eben jenem Gebäude mit der Nummer 15 einzurichten. Es war die typische Art von Schilling, kulturpolitisch zu handeln: Er schaffte zunächst Tatsachen und ließ sie dann von den überraschten – und meist auch beeindruckten – Ratsmitgliedern absegnen. Nicht anders ist das Künstlerhaus in Duisburgs Kunstszene installiert worden. So hatte der eigenwillige Dezernent sein erstes Projekthaus aus der Taufe gehoben. Andere sollten folgen.

Die Eröffnung war der Beginn einer Künstlerförderung, die im Ruhrgebiet bisher einmalig war. Schilling fasst die Erinnerungen an jene Tage zusammen: "Alles begann mit der Goldstraße, keiner Goldgrube, auch keiner Geldquelle, schlichtweg der Idee eines Künstlerhauses für die Stahl- und Binnenhafenstadt Duisburg. Die Bilanz bis dahin summiert drei mehr oder weniger miteinander zerstrittene Künstlerbünde, einige sporadische Ausstellungen, Ankäufe einiger Kunstwerke und hin und wieder Aufträge für Kunst im öffentlichen Raum." Doch Schilling wollte mehr: Duisburg sollte als Standort für Künstler interessant werden. Sie sollten sich sowohl hier niederlassen und zu günstigen Bedingungen leben und arbeiten können, nicht zuletzt im Hinblick auf die Arbeit des Wilhelm Lehmbruck Museums und die Vergabe der Stipendien, als auch von einer Abwanderung in Kunst- und Galeriezentren wie Köln oder Düsseldorf abgehalten.

"Obwohl die Stadt aufgrund ihrer Finanzlage nicht imstande ist, nennenswerte Kunstankäufe zu tätigen, erweist sich diese Art der Künstlerförderung als attraktiv genug, Duisburg mit seiner kontrastreichen Stadtlandschaft und einer äußerst liebenswerten Bevölkerung zur neuen Heimat zu wählen. Das hat für das Leben in der Stadt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, denn im Spannungsfeld künstlerischer Arbeit werden gesellschaftliche Prozesse transparent. Was ist eine Stadt ohne eine lebendige Künstlerszene, ohne Galerien und Ausstellungen, Kunstgestaltungen im öffentlichen Raum und internationalen Austausch?", so Schilling. Ein Konzept, das für die Zukunft der Künstler aufging, an der bundesweiten Bedeutung der "Kunstmetropole" Duisburg allerdings nur wenig geändert hat. Aber so weit wollte und konnte man in den Jahren vor der Eröffnung des ersten Künstlerhauses nicht nach vorne blicken. Damals ging es zunächst um den Erhalt des Gebäudes – ein langer, strapaziöser und staubiger Weg.

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  Kunst in Ruinen

Die Idee für ein Künstlerhaus entstand 1978/79. "Das Gebäude, das Konrad Schilling ins Auge gefasst hatte, gehörte der Stadt und sollte einer Mehrzweckturnhalle für die angrenzende Schule weichen", erinnert sich Hans-Jürgen Vorsatz. Der Bildhauer war unter den ersten Künstlern, die in die Ateliers der Goldstraße einzogen. Ein paar Monate vorher erreichten ihn und andere Künstler eine Einladung von Schilling "zur Besichtigung einer Ruine". Keine Übertreibung: In dem Gebäude gab es weder Licht noch fließendes Wasser. "Nur mit der Taschenlampe bewaffnet, führte uns Konrad Schilling durch zahlreiche dunkle Räume, die übervoll waren mit Unrat, Gerümpel und verrottenden Maschinen." Ein desillusionierender Anblick für die Künstler, die von einer neuen Heimstatt geträumt hatten. Die Fenster waren zersplittert, die Wände bröckelten und schimmelten, durch das Dach regnete es herein, die Toiletten funktionierten nicht. Vorsatz: "Aus diesem Trümmerhaufen sollte ein funktionierendes Künstlerhaus mit Ateliers und Wohnungen entstehen? In diesem Augenblick glaubte keiner von uns daran." Als Schilling mit einem spitzfindigen Lächeln fragte, wer sich für ein Atelier interessiere, gab es zunächst keine Antwort. Betretenes Schweigen, nur ab und an gab es eine Frage. Die wichtigsten Punkte blieben vorerst ungeklärt: Wird das Haus unter Denkmalschutz gestellt oder nicht? Werden Kulturausschuss und Rat die Restaurierung des Gebäudes unterstützen und das Atelierhaus langfristig finanzieren? "Es erschien uns wie eine Utopie."

Die zweite Begegnung verlief nicht viel anders als die erste. Eine Galeristin, die zu Beginn starkes Interesse an dem Gebäude signalisierte, war entnervt abgesprungen. Zwei Künstler erklärten sich letztendlich bereit einzuziehen, wenn... Fragen über Fragen. Das Thema Goldstraße bot den Künstlern immer wieder Gesprächsstoff, besonders bei den Mitgliedern des Duisburger Künstlerbundes. Nach Wochen der Diskussion kam auf dem Kunstmarkt in Hamborn eine Vereinbarung mit dem Dezernenten zustande: "Die Mitglieder des Bundes werden in Eigenregie – vorerst auch ohne die Zustimmung des Rates – das Vorderhaus unter der Bedingung renovieren, dass der Bund ein Gemeinschaftsatelier erhält." An den Arbeiten beteiligten sich alle Mitglieder des Künstlerbundes. Mit dabei waren auch die Schriftsteller, denen ein eigener Raum für Lesungen, Diskussionen und zum Schreiben zugesprochen worden war. Zu den Handwerkern gesellte sich auch Gerd Losemann von der Duisburger Sezession, der zweiten großen Künstlervertretung. Das Risiko, das die Künstler eingegangen waren, hatte sich gelohnt, denn nach einer Besichtigung durch Vertreter des Kulturausschusses und der zuständigen Behörden wurde das Projekt in der nächsten Ratssitzung genehmigt. Vorsatz im Rückblick: "Wir hatten das Gebäude eigentlich besetzt, um zu zeigen, was für ein Leben hier entstehen könnte." Schilling hatte den ersten Schritt geschafft.

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  Schwielen für die Kunst

Die harte Arbeit der Restaurierung begann in einem Haus, das seit seiner Bauübergabe 1890 eine wechselvolle Geschichte erlebt hatte. "Nach meinen Unterlagen", so Vorsatz, "war in dem Gebäude die Duisburger Verlagsanstalt, eine Papier- und Buchdruckerei mit einer Handlung untergebracht. Danach zog eine Kammgarnspinnerei in die Räume ein. Während der Nazi-Zeit hatte die SA eine Schaltzentrale der Funkeranstalt eingerichtet." Nach dem Krieg wurde die Nummer 15 als Wohnhaus genutzt, noch später gab es als Frauenhaus misshandelten Frauen Unterschlupf.

Die Künstler wurden zu Bauarbeitern. Vorsatz: "Wir haben aus den Kellern des Hauses soviel Schutt herausgeholt, dass zwölf Lastwagen beladen werden konnten. Eine Knochenarbeit, die aber gut von der Hand ging. Es gab ja endlich eine Perspektive." Die meisten Künstler hatten bisher in ihren Wohnungen arbeiten oder teure Ateliers anmieten müssen. In der Goldstraße musste der Putz abgeklopft, die Wände neu verputzt werden. Fenster wurden gestrichen und abgedichtet, Treppen und Türen aufgearbeitet. Bei den Entrümpelungsarbeiten im Keller entdeckten die Künstler Gänge, die vom Atelierhaus zum Luftschutzbunker unter dem Dellplatz führten. Erst Jahre später wurden sie dicht gemacht.

Ein halbes Jahr waren die Maler, Bildhauer und Literaten in dem Gebäude aktiv, ohne dass ihre „Instandbesetzung“ so richtig bemerkt wurde. Im Frühjahr 1980 sollte die Eröffnung sein. Und dann ging die Künstlerkolonie an die Öffentlichkeit. Hans-Jürgen Vorsatz sowie der Maler und Zeichner Herbert Josef Schero hatten sich in der Bruchbude schon eingerichtet, als sie die Presse zur Besichtigung vor dem Start einluden. Waltraud Fest berichtete in der WAZ von ihren ersten Eindrücken: Jetzt sind die Künstler noch damit beschäftigt, Treppenhaus und Türen zu streichen, die alten Räume behaglich herzurichten und die Voraussetzungen zu schaffen für ein kommunikatives Miteinander und einen regen Erfahrungsaustausch. Noch stolpert man über Farbtöpfe, Balken und Kabel. Aber das gute Ende zeichnet sich bereits ab. Einen Vorgeschmack davon, wie es einmal überall aussehen soll, erhält man in dem mit Bildern geschmückten Treppenaufgang zum Domizil von Herbert Schero, auf dem mit Plastiken versehenen Vorhof zum Atelier von Hans-Jürgen Vorsatz und in dem mit gestifteten Sitzgruppen ausgestatteten Clubraum neben der Klause der Literaten und Schriftsteller, die bereits mit ihren regelmäßigen Treffen begonnen haben. Auch die Möglichkeit zum Kaffeekochen ist gegeben. In den Ateliers gehört der Charakter einer gewissen Improvisation zum Metier. Neun Maler und Bildhauer können zunächst in einem eigenen Arbeitsraum tätig sein. Der Künstlerbund hat ein Gemeinschaftsatelier bezogen, Ingrid Gibbels wird in ihrem Atelier die Kurse für Blinde fortsetzen. Auch die Lehrgänge der Volkshochschule finden hier eine Heimstatt. Weitere Arbeitsmöglichkeiten werden zu einem späteren Zeitpunkt im Hinterhaus geschaffen. Mitglieder aller traditionellen Künstlerorganisationen beteiligen sich an dem vorbildlichen Gemeinschaftsunternehmen zur Bereicherung des Duisburger Kulturlebens.

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  Lebendiges Haus
Lebendiges Haus Am 25. April 1980 war es dann endlich soweit: Die Künstler des Hauses vergaßen die Schwielen an den Händen, den Muskelkater und schmerzenden Rücken, um ihre Kunst im neuen Haus den unmittelbaren Nachbarn und den Bürgern vorzustellen. Die bildenden Künstler, von denen zwei ja schon im Haus wohnten, öffneten ihre Ateliers und luden zum Gespräch über ihre Arbeit als Grafiker, Bildhauer oder Maler ein. Die Duisburger Autoren lasen im Gemeinschaftsraum auf der ersten Etage aus ihren Texten und diskutierten über die Möglichkeiten der Literaturvermittlung. Die eingeladenen Musikgruppen wie die Kölner Straßenmusikanten und nicht zuletzt ein Glas Bier und Schnittchen schafften die Stimmung für eine zwanglose Begegnung mit Bürgern, wie sie sich Kulturdezernent Schilling und seine Mitarbeiter im Kulturamt vorgestellt hatten, als sie darangingen, die ehemalige "Rheinische Spinnstoffwarenfabrik" in ein Künstler- und Atelierhaus umzuwandeln.
 
Jetzt begann der Alltag, sofern man bei Künstlern über einen geregelten Ablauf des Tages reden kann. Aber Vorsatz und Schero, der später auszog (heute bewohnt Hermann Kurz die zweite Atelierwohnung), hatten neben ihrer künstlerischen Muße auch ganz alltägliche Dinge im Haus zu verrichten. So musste der Bildhauer jeden Tag viele Liter Wasser in die Heizung laufen lassen, weil ihre Leitungen und Heizkörper an unzähligen Stellen leck waren. Damals war man auch über jede Art der Spende für das Haus froh. Und so wurde es schon als eine mittlere Sensation empfunden, als Konrad Schilling bei einem Künstlerfest im "Haus des Tanzes" von Jutta und Harald Paulerberg ein Geschenk für die Goldstraße verkündete: das Tanzpaar spendete 3000 Liter Öl für die Heizung.

Im Laufe der Wochen und Monate kehrte so etwas wie Normalität ein. "Die gemeinsame Arbeit", so Vorsatz, "war auch eine Verpflichtung: Das Haus musste im wahrsten Sinne des Wortes zusammengehalten werden. Künstler sind schwierige Individuen, die man nicht einfach unter einen Hut bringen kann." Natürlich habe es Zoff gegeben, aber der wurde immer intern ausgetragen. Das Image des jungen Künstlerhauses sollte nicht durch öffentliche Querelen leiden. "So ist das Haus anders geworden als die anderen Atelierhäuser der Stadt. Eine wirkliche Institution." Langsam aber sicher konnte man auch darangehen, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Das Wohnrecht im Haus war ja an einige Auflagen gebunden. Alle Künstler, die in der Goldstraße wohnten und arbeiteten, sollten sich so frei verhalten und entfalten können, wie es ein kreativer Mensch tun muss. Als Gegenleistung haben die Künstler ihre Arbeit angeboten. "Wir öffnen für Besucher, es gab und gibt einen Tag der offenen Tür, der leider allzu lange aus dem Kalender verschwunden war. Alle zwei Jahre stellen wir außerdem unsere Arbeiten im Wilhelm Lehmbruck Museum aus. Eine feste Größe im Ausstellungskalender." Die Stadt fördert dagegen ihre Künstler indirekt, indem sie ihnen einen angemessenen Mietpreis für die Ateliers berechnet.

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  Die Kunst der Sprache
Die Kunst der Sprache Das Haus an der Goldstraße sollte allen Kunstgattungen offen stehen. Deshalb gab es auch Platz für die Schriftsteller, die einen Monat nach der Eröffnung den bildenden Künstlern folgten und eine Interessenge-meinschaft gründeten. Der Autorentreff billigte am 29. Mai 1980 die Satzung. Zweck und Ziel des Zusammenschlusses war die Belebung und Förderung der literarischen Szene Duisburgs. Es gab regelmäßige Treffen der Autoren zur Information und zu Textgesprächen, zur Festigung der persönlichen Kontakte und sie waren Anlaufstelle für junge Autoren. Die IG der Schriftsteller bemühte sich, Publikationen literarischer Texte aus dem und im Duisburger Raum zu verwirklichen, gab Hilfe bei Fragen des Urheberrechts, bei Fragen zum Thema Lektorat und zur Zusammenarbeit mit Verlagen. Sie organisierte und koordinierte literarische Veranstaltungen in Duisburg und vertrat die Autoren gegenüber der Presse, der Stadt und anderen Instituten. Natürlich sollen die Kontakte mit anderen kulturellen Einrichtungen über die Vertretung vertieft werden. Als erste Sprecher der literarischen Interessengemeinschaft unterschrieben das Konzept Aletta Eßer, Sigrid Kruse und Berndt Mosblech. Die kontinuierliche Arbeit konnte beginnen, und die Liste der Autoren, die in der Goldstraße lasen, ist lang geworden. Unter ihnen waren unter anderem El Loko, Elke Oertgen, Matthias Horx, Helga Kanies und der Hopper-Experte Heinz Liesbrock. "In der Wohnzimmeratmosphäre des Gemeinschaftsraums ergaben sich immer Gespräche mit Autoren nach öffentlichen Lesungen der Reihe 'Text und Gespräch', zwangloser als in nüchternen Vortragssälen", erinnert sich Sigrid Kruse: "Das gilt auch für Gespräche über eigene Texte im kleinen Kreis."

Wie lebendig und farbig die Literatur in Duisburg war, zeigten die Lesungen mit Vertretern der freien Szene. Karlheinz Burandt und A.S.H. Pelikan etwa stellten im März 1986 ihre Texte unter dem Motto "Zwischen Reim und Leser – Die Wortschau" vor: eine komplett inszenierte Veranstaltung mit eigenen Texten der beiden Duisburger, mit Lieblingsstellen aus Lieblingsbüchern und auch mit solchen Beiträgen, die sie selbst nun wirklich auch verheerend fanden, sie aber gerade deswegen eingebaut hatten. Zwischendurch wurden aus einer Lostrommel, die eigentliche eine Vase war, ordentlich verpackte kleine Gedichte bis hin zum "Zusatzgedicht" gezogen: Zwei-, Drei-, Vier- und Mehrzeiler, die sich ganz hart reimten. Und beim Finale mit Passagen aus einem unveröffentlichten Pelikan-Western mussten ausgesuchte Zuhörer Sprechrollen übernehmen. Ganz schön schräge Ereignis-Lyrik in der Goldstraße. . .

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  Erweiterung

Der erste Bauabschnitt des Künstlerhauses war gerade einmal von den Bewohnern verkraftet worden, als erneut die Baukolonnen anrückten. Im Hinterhaus an der Goldstraße sollten zwei weitere Ausstellungsräume ausgebaut werden. Eigentlich stand das Gebäude vor dem Abriss, weil es einsturzgefährdet war. Der Schwamm saß tief im Mauerwerk, Pilze hatten die Deckenkonstruktion mürbe gemacht, Böden brachen ein. Die Stadt musste sich entscheiden: Abbruch oder Sanierung. Zum Glück wurde erhalten, was erhaltenswert war. Nur das Dachgeschoss mit einer großen Wohnung wurde abgerissen, ein Flachdach aufgesetzt. Die Sanierer schossen Patronen mit Schimmelmitteln in die Wände, um sie zu erhalten. Bald darauf wurden die Räume eröffnet, natürlich mit einer Präsentation von Kunstwerken der Goldstraße-Bewohner – als Dank für die edle Spende eines Mäzens. Die Stadt hätte die 180 000 Mark, die die Renovierung des Hinterhauses verschlungen hatte, nicht aufbringen können. Und während 15 der damals 21 Mitglieder des Künstlerbundes die frisch restaurierten Räumen mit ihren Werken verschönten, führte Schilling schon weiteres im Schilde. Denn während der Sanierungsarbeiten hatte Hans-Jürgen Vorsatz entdeckt, dass es im hinteren Bereich noch ein weiteres Gebäude gab, das leer stand und der Stadt gehörte. Es war die Küche des ehemaligen Gesellenwohnheims des Kolpinghauses. Hier gab es acht bis neun Buden für Gesellen auf Wanderschaft. Die Stadt hatte es damals mit den beiden vorderen Gebäuden der Nummer 15 mitgekauft – und anscheinend vergessen.
An diesem Anbau war das Auge des Dezernenten gleich sehr begehrlich haften geblieben, weil in Duisburg ein "ungeheurer Bedarf" an Ateliers seitens der Künstler bestand. Wieder wurde ein Mäzen gesucht – es sollte ein paar Jahre dauern. Schilling konzentrierte sich auf die erste Ausstellung in den insgesamt 100 Quadratmeter großen Räumen. Die Rheinische Post gab damals einen Überblick über die kreative Vielfalt der Künstlerkolonie: Das Stil- und Ausdrucksangebot ist vielfältig. Neben Collagen von Hetty Breßer und Eugen van Stiphaut hängen konstruktivistische, durch weiche Linien 'erwärmte' Zeichnungen von H.J. Schäfer. Hans-Joachim Herberts stellt vier Graphiken aus, daneben zwei verschachtelte Türstudien von Norbert Stockem und drei knorrige Wurzelstudien von Walter Feldberg. Fotorealistisch sind Jannes Slutters Öltonnen und kompromisslos perspektivisch, stilisiert in glatten Farbflächen die Stadtbilder von Horst Inderbieten. Auch Hermann Kurz ist dabei mit seinen organisch verschachtelten Menschenkörpern und Klaus Arndt mit flächigen Bildern in Pastell. Dazwischen stehen Skulpturen von Detlef Becherer und drei steinerne 'Wächter' von Ingrid Gibbels. Auffällig sind die Objekte aus Naturmaterialien wie abgeschabten Ästen, Leder und Stein von Friedebert Reihl.

Mit der Renovierung der beiden Atelierräume im hinteren Gebäude wurde das Künstlerhaus auch technisch besser ausgestattet. Die Mannesmann Röhrenwerke AG schenkte Horst Inderbieten eine Siebdruckanlage und eine Vakuumpresse. Außerdem wurde der große Brennofen für Ingrid Gibbels eingebaut. Die hauptberuflich engagierte Kunsterzieherin arbeitete mit Blinden und Sehbehinderten zum Thema "Plastisches Sehen". Dazu gehörten nicht nur Besuche im Wilhelm Lehmbruck Museum zum "erfassen der Plastiken", sondern auch das Formen und Brennen eigener Werke. Der neue Ofen war ein Segen für diese Kurse.
Die Künstler waren auch in anderen Projekten aktiv, die das neu erweiterte Haus ermöglichte. Der Kindertreff "Spielkorb" kam zu den Künstlern, die erste Kurse im Atelier des Duisburger Künstlerbundes organisierten. Lehrer und Mitspieler waren der Maler und Graphiker Hermann Kurz, Friedebert Reihl mit Walter Schernstein, Hetty Breßer und die Bildhauer Gibbels und Vorsatz. Alle beteiligten Künstler haben die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen immer als eine Bereicherung ihres künstlerischen Schaffens angesehen.

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  Die Russen kommen
Die Russen kommen Schillings Konzept einer aktiven Kunst- und Kulturszene in Duisburg setzte auch auf den internationalen Austausch von Malern, Bildhauern und Fotografen. Der Dezernent hatte als einer der ersten Kulturmanager der großen Kommunen Kontakte zur damaligen Sowjetunion geknüpft, mit dem Ergebnis, dass ein lebendiger Austausch von sowjetischen Künstlern mit Duisburg in Gang kam. Selbstverständlich wurden auch die Künstler der Goldstraße in diese internationale Verbindung integriert. "Die Russen kommen" war das Stichwort, und manch einer der Duisburger sah dem ersten Treffen mit den "Kollegen" gespannt entgegen. Die ersten Russen kamen 1983 in die Goldstraße, sie arbeiteten hier und zeigten am Ende ihres Aufenthaltes Bilder und Gemälde in der Galerie des Atelierhauses. Hans-Jürgen Vorsatz muss lächeln, wenn er sich an diese Zeit erinnert: "Wir haben herrliche Feste gefeiert und viele Anregungen bekommen. Leider läuft der Austausch nicht mehr, weil sich die UdSSR aufgelöst hat. Damals kamen ja die Künstler auf Kosten des Staates nach Duisburg.“ Ausgesuchte Künstler natürlich. Später entwickelte sich auch ein Austausch mit einer Galerie in der englischen Partnerstadt Portsmouth, der allerdings recht kurzlebig war. "Das Haus war immer auch ein internationales Haus, selbst wenn es nicht über offizielle Schienen lief. In diesen Räumen haben schon unzählige Künstler aus dem Ausland übernachtet."

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  Schmuckstück im Dellviertel
Scmuckstück im Dellviertel

Kunstmärkte
Noch einmal musste das Künstlerhaus seinen Arbeitsrhythmus unterbrechen, als es ab 1988 erneut grundlegend renoviert wurde. Eine Entscheidung, die bei den Künstlern auf geteilte Meinung stieß. Einerseits sollte der Bau endlich ein Schmuckstück im Dellviertel werden, andererseits musste die Kolonie ihre Aktivitäten drastisch einschränken. Die Befürchtungen bestätigten sich zu einem Großteil. Als die Nummer 15 im Jahr 1993 wieder einmal der Öffentlichkeit präsentiert wurde, zog die Rheinische Post (RP) eine Bilanz: Das Künstlerhaus an der Goldstraße ist keine Legende, es existiert noch – mehr denn je. Fast fünf Jahre lang schien es aus Duisburgs Kulturleben verschwunden zu sein. Zwar trafen sich dort noch ab und zu Nachwuchsliteraten, um über "Kleingedrucktes" zu diskutieren, doch ansonsten schien ein interessanter Treffpunkt der Stadt verloren gegangen zu sein. Der Grund dafür war ein schöner: Nun, in einer Zeit, da aus berechtigten Gründen viele Menschen angesichts kultureller Kahlschläge zu resignieren scheinen, soll das Atelierhaus einen optimistischen Impuls setzen. Im September (1993, d. Red.) wird es sich bei einem Tag der offenen Tür im neuen Glanz zeigen.

Drei Monate vorher schon präsentierten sich die Wände blütenweiß, die Aufgänge in mediterranem Gelbblau. Nach einigen Durchbrüchen wirkte alles großzügiger. Überall hängen Bilder; in den Nischen stehen Skulpturen. Kein Wunder, so die RP, schließlich haben in diesem Haus viele Duisburger Künstler Ateliers. Es waren damals Klaus Arndt, Hildegard Bauschlicher, Hetty Breßer, Horst Inderbieten, Michael Kiefer, Josef Müller, Robert Schad und Gisela Schneider-Gehrke. Außerdem hat die Autorin Sigrid Kruse einen kleinen Arbeitsraum im Haus. Die Künstler Evangelos Koukouwitakis, Hermann Kurz und Hans-Jürgen Vorsatz wohnen in der Goldstraße. Die Arbeitsbedingungen sind in der Tat beneidenswert. Neben den einzelnen Ateliers gibt es noch einen gemeinsamen Werkraum mit Druckpresse – auch für Siebdruck. Für Koukouwitakis, der mit dem Medium Fotografie arbeitet, wurde ein Fotolabor eingerichtet. Vorsatz kann seinen Atelierraum verlassen, um in einem der Höfe des verwinkelten Hauses zu hämmern, zu schneiden und zu meißeln. Er selber hält die Arbeitsbedingungen für ideal – beispielhaft für das Land Nordrhein-Westfalen. Der Bildhauer hofft, dass nach der Sommerpause '93 beispielsweise wieder die Literaturszene stärker den großen Versammlungsraum des Hauses nutzt. Und für die bildende Kunst sieht er Ausstellungen, Präsentationen von stadtfremden Künstlern und Aktionen wachsen. "Das Künstlerhaus soll kein Ort der Wettbewerbe, Gegensätze und Konflikte sein, sondern ein verbindender Treffpunkt für Kulturschaffende und Kulturnutzende", so Vorsatz. Inzwischen ist das Künstler- und Atelierhaus ins Bewusstsein der Duisburger gerückt. Aber es kostet bis heute viel Überzeugungskraft und Energie, es dort auch wach zu halten.

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  Struktur und Überraschungen

Drei Jahre nach der "Rückkehr" ins Kunstleben der Stadt kamen die Bewohner der Goldstraße wieder in einen Rhythmus aus Arbeit und Präsentation. Geplant waren vier Ausstellungen pro Jahr in der Galerie des Gebäudes. Sie sollte sich auch Künstlern aus anderen Städten öffnen. Außerdem sollten der Nikolausverkauf und der schon erwähnte Tag der offenen Tür feste Termine im Kunstjahr werden. Sechs Aktionen in zwölf Monaten – das mag wenig erscheinen. Aber die Kolonie der Künste hat auch andere Verpflichtungen, nicht zuletzt die Produktion ihrer eigenen Werke. Und außerdem sind diese so gefragt, dass ihre Arbeiten immer auch woanders ausgestellt werden – vor allem auch in der Landeshauptstadt. Nein, das Angebot war durchaus realistisch, zumal es keinen Galeristen gab und gibt, der in dem Haus eine ständige Präsentation der dort arbeitenden Künstler wagen würde. Duisburg ist dafür bekanntermaßen ein schwieriges Pflaster.

Viele Jahre – bis zur endgültigen Sanierung – hatte die Goldstraße 15 von Träumen gelebt und einige von ihnen auch mühsam verwirklichen können. Was hatte sich zwischen dem Einzug 1980 und dem erneuten Start nach der Renovierung Mitte der 90er Jahre für ein Leben vorsichtig etablieren können? Dazu Hans-Jürgen Vorsatz: "Die Zeit war aufregend und voller Spannung gewesen. Und diese kreative Spannung hat sich wiederum die ganzen Jahre gehalten, weil es im Haus immer Veränderungen gab. Neue Künstler zogen ein, immer neue Probleme rollten auf unsere Schultern." Es galt, das Haus für die Zukunft zu erhalten. Angesichts leerer Kassen neigten Politiker dazu, zuerst den Kulturetat zu senken. "Wenn ich jetzt (1995, d. Red.) etwas provokant sage, dass das Haus trotz seiner Arbeit immer noch in einem Dornröschenschlaf liegt, dann hat das seinen Grund. Noch ist dieser Kunstort nicht als Institution bekannt. Er müsste für die Kunstszene unentbehrlich sein." Das Haus sollte intensiver ins Bewusstsein gerückt werden  – so gesehen sei eine Art Marketing für das Künstlerhaus unerlässlich.

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  Zurück in die Zukunft
Zurück in die Zukunft Zehn Jahre nach dieser Einschätzung blicken die Künstler der Goldstraße auf ein ereignisreiches Jahrzehnt zurück, dass sie mit zahlreichen Ausstellungen und Aktionen gefüllt haben. Über ein klassisches Marketing wird man im Rückblick kaum reden können, das ist allein durch die Künstler nicht zu schaffen. Aber die Kontinuität, die Qualität und Strategie ihrer Selbstdarstellung haben das Haus zu dem gemacht, wovon sie vor 25 Jahren geträumt hatten – eine Institution in Duisburgs Kunstszene, eingebunden in ein lebendiges Viertel.

Mit der erneuten Eröffnung des 1993 endgültig sanierten Gebäudes beschlossen die elf Künstler in einem ersten Schritt den „Elfenbeinturm“ zu öffnen. Jeder von ihnen präsentierte sich und seine Kunstwerke an einem Wochenende. „Diese Kurzausstellungen brachten neuen Schwung ins Haus“, erinnert sich der Fotokünstler Evangelos Koukouwitakis. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Mitbewohner sorgten für künstlerische Vielfalt, die Kürze der Zeit für gute Besucherzahlen. Und die Medien nahmen die Idee der Kurzpräsentationen durchweg positiv auf – es war schon etwas Besonders, die Kunst der kreativen Köpfe innerhalb eines Jahres auszustellen. Die Vielfalt der Werke war zugleich auch die Stärke dieser ersten Reihe.

Josef Müllers Bilder waren an der Grenze zwischen Gegenständlichem und Abstraktem angesiedelt, wo der Betrachter „mutig die Bedeutung suchen“ sollte. Gisela Schneider-Gehrke inszenierte archaische Motive auf sehr sinnliche Weise, während Evangelos Koukouwitakis seine großformatigen Fotografien auf eigenwillige Weise verletzte, zerstörte und zu neuer Bedeutung brachte. Hermann Kurz malte „in Olivenöl“ seine Impressionen aus Griechenland und verband Boule-Kugel und blaue Flasche zu einem verdichteten Objekt – mit Witz und Können. Satirisch bis zynisch wirkten Michael Kiefers realistische Angst-Szenen aus Gruselfilmen wie Hitchcocks „Die Vögel“: schockierend, verstörend und gleichzeitig in ihren Bann ziehend. Ganz anders dagegen Hetty Bresser: geometrische Elemente bestimmten die Arbeiten ihrer Ausstellung, die durch den Wechsel der Farben den Betrachter immer wieder überraschten. Sie überwand ihre weiße Phase und setzte sich mit der Farbe Rot auseinander, um „das Konstruktive ins Poetische“ zu wenden.
Walter Schernstein fing mit seiner Kamera das Licht als Reflektionen von Gegenständen ein, am liebsten in der „blauen Stunde“ zwischen Tag und Nacht. Während Hildegard Bauschlicher Läppchen aus Usbekistan oder Stoffreste aus Moskau zu „visionären Zwischenräumen“ verwob und darin Erinnerungen bewahrte, schöpfte André Schweers Papier in seiner Urform und beeinflusste die groben Strukturen durch Fundstücke. Ein Blau, das es nicht aus der Tube gibt, die klare Linie der Fantasie, die Komposition des Raumes – Aussagen, die Horst Inderbietens Bilder und Collagen umrahmten. Der Bildhauer Hans-Jürgen Vorsatz beendete die Reihe der Wochenendausstellungen mit seinen aufgesprengten, aufgerissenen und zusammengefügten Stein-Skulpturen. Konfrontiert mit zweidimensionalen Wandbildern, in denen er unter anderem Blei, Bitu-men, Gold und Harz vereinigte, erzeugte er eine ganz besondere Spannung.

Die Vorstellungsreihe der Künstler war der erste Schritt, das Atelierhaus aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Die Besucherzahlen stimmten. Die Gruppe der Goldstraße blieb nicht auf ihren Lorbeeren sitzen. Sie öffneten ihr Haus für Künstler aus anderen Städten, luden sie zu sich ein und präsentierten sie in Patenschaften. Ein Projekt, das über mehrere Jahre hinweg Leben und kreative Abwechslung in die Goldstraße brachte – und Bewohner wie Besucher über den Tellerrand ihrer Wahrnehmung blicken ließ.

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  Gäste ins Haus
Gäste ins Haus 1

Gäste ins Haus 2
Den Auftakt machte im Februar 1995 Eberhard Bitter aus Wanne-Eickel. Seine grauen Akte, die sich umarmten, sich näher kamen, die aufeinander reagierten waren „Reflexionen“, die sich zwischen Abstraktion und Realismus bewegten. Dass eine Zeitung ihren Bericht über die Ausstellung mit der Überschrift „Die Seelen-Qualen des Fußball-Trainers“ betitelte, lag an den Porträts der stressgeplagten „Dompteure auf dem Platz“. Sie sind Menschen, die immer im Mittelpunkt stehen: gefragt, geliebt, gejagt, gefeuert. Weitere Gäste kamen unter anderem aus Krefeld, Düsseldorf, Rees oder Bremen an den Dellplatz. Axel Vaters Collagen, Ion Isailas „digitalisierte“ Ölgemälde, die „Baum“-Bilder von Barbara Wichelhaus, die wuscheligen Reliefs aus Puppenhaar von Anke Eiler-Gerhard, die nach dem Aufhängen noch gekämmt werden mussten, die vierflächigen Stahlkörper von Rüdiger Seidt oder die „noppige Silikonkunst“ von Karin Hilmar – jede Ausstellung besaß ihren eigenen Charakter. Die Künstler  bekräftigten damit das Ziel der Kolonie, die Vielfalt und eine Auseinandersetzung mit beheimateter Kunst im Haus zu fördern.
Noch stärker betonte diesen Ansatz die Idee der Patenschaften, welche die Goldstraßen-Bewohner für ihre Gastkünstler übernahmen. Die Auseinandersetzung, die Neugier, die Fragen an den Gast gaben den Präsentationen oft ein sehr persönliches Flair. Horst Inderbieten zeigte Bilder des damals gerade verstorbenen Johannes Uhlenhaut. Der Liebhaber des tiefen Blaus, der Konstrukteur der Industrie-Landschaften stellte die kargen Landschaftsbilder des Moersers vor, die Buchten und Strände zeigten, aber auch auf die Arbeitswelt blickten. Schwarze Kohlehalden als Sinnbild eines Eingriffs der Menschen in die Natur waren seine Motive – ein signifikanter Gegensatz zu Inderbietens intensiver Farb-Palette. Die Ausstellung wurde von dem damaligen Direktor des Städtischen Museums „Haus Koekkoek“ in Kleve, Drs. Guido de Werd eröffnet.

Die Schmuck-Designerin Marina Alexandre präsentierte Eugen van Stiphaut, dessen „poetischer Kampf gegen mathematisch-geometrische Formen“ auf Papier und in Keramikobjekten zu bewundern war. Der Fotokünstler Evangelos Koukouwitakis ließ gezeichnete Flugobjekte von Dieter Rogge durchs Atelier „fliegen“, der Fotograf Walter Schernstein, bekannt für seine Schwarz-Weiß-Bilder, übernahm die Patenschaft für sattfarbene Ölgemälde und Collagen der beiden Niederländer Jeroen van Herten und Marc Christiaans.
Natürlich gab es auch weiterhin Einzelausstellungen, die mit sinnigen und hintersinnigen Schlagzeilen bedacht wurden: Hanns Armborst wurde getrieben vom „Wunsch nach Ordnung“, Achim Spyra bat zum „Eiertanz“ in die Goldstraße, Kurt Budewell  legte großen Wert auf „Die feinen Hüte der hohen Herrschaften“, und Manfred Vogel „briefte Post zum echten Vogel“. Der Duisburger Kunstprofessor hatte aus alltäglichen Wurfsendungen, aus aufgerissenen Kuverts oder Ansichtskarten pointierte Kleinkunstwerke gezaubert – „Art Recycling“ oder Briefings nannte er seine ungewöhnliche Sammlung, die er mit folgendem Gedicht präsentierte:

„Ein Brief im Kasten
ist wie ein Ei im Nest
und ist ein Brief von Dir dabei
ist es wie ein Osterei.“

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  Von huis naar huis
Von huis naar huis Über Grenzen hinweg reichte die Kooperation zwischen dem Künstlerhaus an der Goldstraße und der Ateliergemeinschaft „Snijderskazerne“ in Nimwegen. In den Räumen der ehemaligen Kaserne war etwas Ähnliches wie in Duisburg entstanden. Über 50 Künstler lebten und arbeiteten zusammen, stellten ihre Arbeiten aus. Der Kontakt zwischen beiden Häusern entstand zufällig auf der „Großen Kunstausstellung NRW“ in Düsseldorf. Im Frühjahr 1997 zeigte der niederländische Bildhauer Peter Jansen an der Goldstraße seine Arbeiten, woraufhin die Idee geboren wurde, sich gegenseitig in der anderen Stadt vorzustellen. Die Duisburger präsentierten ihre Kollegen immer im Doppelpack, und die Niederländer luden 1998 die Goldstraße im „Elfer-Paket“ in die Gelderselaan ein. 
Aus Holland kamen Briefe, die zu Bildern der Liebe geformt wurden, von Frans Megens; Mechthild Kets zeigte ihre Collagen aus unterschiedlichen Textilien, „archäologische Bronzestücke“ waren die Kunst von Loek Hambeukers, Marten Becks und Alfred Hengveld hatten einfach „Arbeiten auf Papier“ im Gepäck.

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  Kulturwoche NRW

Im Sommer 1998 rief der NRW Kulturrat das Projekt „NRW Kultur“ ins Leben. Der Verein, in dem über 80 Organisationen aus den Sparten Musik, Tanz, Theater, Medien, Literatur, bildende Kunst und Soziokultur zusammengeschlossen sind, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen im Lande die Vielfalt der hiesigen Kulturszene zu zeigen und ein Sprachrohr für die Künstler zu sein. Zu diesem Zweck gab es im Juni erstmals dieses Angebot: zehn Tage lang war jeder Tag einer anderen Kunstsparte gewidmet, die in einer Stadt des Landes vorgestellt wurde. Für die bildende Kunst wurde Duisburg auserkoren. Stellvertretend für ihre Kollegen in ganz Nordrhein Westfalen öffneten die Künstler der Goldstraße ihre Ateliers. Das Angebot, den Malern, Bildhauern und Fotokünstlern auf die Finger zu sehen oder Sigrid Kruses Gedichten zu lauschen, fand damals beachtliche Resonanz. Ganze Schulklassen sahen sich in der Goldstraße um und ließen sich erklären, wie Skulpturen, Schmuck und Bilder entstehen.

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  Jahr des Dialogs
Jahr des Dialogs Das Jahr 2000 wurde im Künstlerhaus zum „Jahr des Dialogs“ – einer Reihe von neu konzipierten Ausstellungen. Im Mittelpunkt stand die Begegnung von Künstlern verschiedener Sparten. Die Schriftstellerin Sigrid Kruse, die einen Raum im Künstlerhaus als Refugium zum Schreiben nutzt, machte den Anfang und wählte Werke aus dem langjährigen Schaffen des Malers, Objektkünstlers und Autors Chinmyao aus. Im Kontrast dazu waren Gedichte von Sigrid Kruse zu hören. Weitere Duos waren Marina Alexandre (Preziosen-Kunst) und Rainer Knaust (Kastenobjekte), Rüdiger Last (Gemälde) und Evangelos Koukouwitakis (Fotoarbeiten).

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  Zwölf Monate im Foto
12 Monate im Foto

12 Monate im Foto 2
Noch einmal widmete die Kolonie der Künstler ein ganzes Jahr einem Thema, diesmal der Fotografie. Das Leben durch die Linse entdeckt, verfremdet, ironisiert oder zur Kunst erhoben, das waren in 2003 die Stichpunkte im Reigen der Ausstellungen. Die minimalen menschlichen Spuren in der rauen Weite Kirgisiens, der Mongolei oder Ladakhs hatte Bruni Encke eingefangen und den Nahaufnahmen der Bewohner gegenübergestellt. Die Bilder von Peter Buchwald wurden durch die Tänzer der Essener Mawaru-Schule für zeitgenössischen Tanz und Improvisation in faszinierende Lichtspuren verwandelt, deren Struktur und Farbkonturen fast wie gemalt wirkten. „Was war – was ist“, so hieß die eigenwillige Suche von Winfried Schmitz-Linkweiler nach den Veränderungen des eigenen Lebens. Er verfremdete private Schnappschüsse der vergangenen Jahre und gab so Kommentare über die eigene Vergänglichkeit ab. Manfred Vogel ist ein Mann, der nicht nur auf der Leinwand begeistert, sondern auch durch seine selbstironischen und witzigen Ich-Betrachtungen. 40 Jahre lang „schaute“ er sich selbst mit der Kamera ins Gesicht – auf der ganzen Welt. Aus 10 000 Dias stellte er 120 Selbstporträts zusammen, die er „Magenknurren eines Bauchredners“ betitelte.

Stählerne Zeugen der Vergangenheit hatten es Hartmut Brieger angetan, der die „Skelette“ von Kränen in Steinbrüchen der Eifel auf Fotopapier verewigte. Knatternde Apparaturen und optische Linsen, Elektrokabel, Widerstände und Lichtquellen – die Ausstellung als Fundgrube für Bastler? Nein, Erich Füllgrabe hauchte „Leben“ in sein Kunst-Labor der „Optomechanik“, das sich den Fragen der Wahrnehmung von Bildern und Kommunikation widmete und dabei Kunst und Naturwissenschaft verband. Ein verspielter Abschluss dieser eindrucksvollen Reihe im „Jahr der Fotografie“.

Mit dem Tod von Hetty Bresser am 15. Januar 2004 verlor die Goldstraße eine der anerkanntesten Künstlerinnen und Persönlichkeiten des Atelierhauses. Die Malerin war dem Haus und der Duisburger Kunstszene bis ins hohe Lebensalter verbunden. Ihre Bilder wurden im In- und Ausland gezeigt, sind Bestandteil öffentlicher und privater Sammlungen. 1981 zählte Hetty Bresser zu den Duisburger Künstlern, die am ersten Austausch mit dem Künstlerverband der UdSSR teilnahmen.  Die Bewohner der Goldstraße widmeten Hetty Bresser eine Werkschau – Erinnerungen an ein bewegtes Leben für die Kunst.

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  Wachgeküsst und quicklebendig

Das Künstlerhaus an der Goldstraße hat – seitdem es richtig funktioniert – immer ein Doppelleben geführt, das unterschiedlich wahrgenommen wurde. Auf der einen Seite die stille, verborgene Arbeit im Atelier, auf der anderen Seite die öffentliche Präsentation von Künstlern und ihren Kunstwerken. Wie selbstverständlich reihen sich heute die vielfältigen Ausstellungen entlang der Zeitlinie auf – und manchmal erscheinen erst im Rückblick Dichte und Vielfalt in der richtigen Relation zueinander.

Die Kolonie an der Goldstraße hat in den vergangenen 25 Jahren die Kunstszene der Stadt Duisburg so bereichert und mit Farbe gefüllt, wie sie es sich 1980 nie hat vorstellen können. Aus der dunklen Ruine der alten Duisburger Verlagsanstalt hatten sich die Künstler mit Muskelkraft an die helle Sonne gearbeitet, dann schlicht eingerichtet und einfach so produziert: gemalt, Steine behauen, Licht ins Zelluloid gedrängt und Worte gesetzt. Bis heute gibt es keine vergleichbare Erfolgsstory – Dornröschen wurde definitiv wachgeküsst und ist quicklebendig. Mit Jörg Zboralski und Wolf-Diethard Lipka zogen zwei neue Künstler ins Atelierhaus ein. Der eine beschäftigt sich mit Fotografie-Installationen, der andere mit Grafik und Malerei. Gemeinsam mit den anderen Bewohnern der Goldstraße 15 sehen sie ihrer Zukunft mit neuen Plänen entgegen. Sie wollen ihre Aktivitäten in Duisburg verstärken und auch ins Ausland blicken. Zunächst sollen Künstler aus Litauen ihre Arbeiten am Dellplatz präsentieren. Und dann? An spannenden Ideen mangelt es nicht.

Frank Kopatschek

 

Die Künstler, die seit 1980 im Atelierhaus arbeiteten:
Alexandre, Amman, Arndt, Bauschlicher, Binder, Bresser, Christian, El Loko, Feind, Fischer, Gensheimer, Gibbels, Inderbieten, Kiefer, Koukouwitakis, Kruse, Kurz, Lipka, Monning, Müller, Reihl, Schad, Schernstein, Schero, Schmitz-Schmelzer, Schneider-Gehrke, Schweers, Vorsatz, Waltemathe, Zboralski


Die Künstler der Goldstraße 15:
Hildegard BauschlicherSusan FeindMartin GensheimerAgnes GiannoneMichael KieferEvangelos KoukouwitakisSigrid Kruse Wolf Diethard Lipka
Josef Müller
Kerstin Müller-SchielWalter SchernsteinAndré Schweers • Claudia Thümler • Hans-Jürgen Vorsatz Ulrike Waltemathe

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